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Seit
einem Monat zeigt das deutsche Feuilleton seine knallharte
Kriegskompetenz. Denn seit einem Monat geht es in Bagdad um
Kampfeinsätze, die vom Sperrsitz der Kulturkritik aus
rezensiert werden können. Es geht nicht um die Befreiung
eines Landes, es geht nicht um den Sturz eines Diktators,
es geht nicht um die Enttarnung von Massenvernichtungswaffen,
sondern es geht im wesentlichen um den Zustand eines Museums.
Nachdem so gut wie alle journalistischen Horrorprophezeiungen
aus der Vorkriegszeit sang- und klanglos an der Wirklichkeit
gescheitert waren, musste sich die aufgestaute Emphase der
deutschen Presse-Pazifisten anderswie Bahn brechen. Ausgeblieben
waren sowohl der beschworene Atomkrieg als auch der Flächenbrand
der arabischen Welt, nicht einmal die Einnahme der irakischen
Hauptstadt erinnerte an das Warschauer Ghetto, wie mancher
gehofft hatte, der die US Marines in der Rolle der SS sehen
wollte. Als sich die Iraker dann auch noch über den Ausgang
der Aktion zu freuen schienen, war die völkerrechtsfeuilletonistische
Bitternis hierzulande groß.
Dann
aber erreichte uns die Nachricht von den Plünderungen
antiker Kunstschätze, und sofort wurden wir dank jahrzehntelangem
Training in der Beutekunstthematik hellwach. Es galt nicht
nur, ein Verbrechen zu beklagen, sondern ein in einem von
den USA angezettelten Krieg begangenes Verbrechen. Handelt
es sich da nicht um ein US-Kriegsverbrechen? Auf diesem kurzen,
abwegigen Gedanken beruht seither die Medienberichterstattung.
Schon drei Tage nach dem Zusammenbruch des Regimes von Saddam
Hussein, während noch an vielen Stellen in Bagdad gekämpft
wurde, beschuldigte der ARD Kulturreport die USA, „als verantwortliche
Macht im Irak der Vernichtung des Weltkulturerbes tatenlos
zuzuschauen“, und insinuierte im selben Beitrag, dass die
Plünderer-Mafia auch eine amerikanische Adresse habe:
den US-Kunsthändlerverband ACCP.
Freilich
ist die Vermutung naheliegend, dass die Plünderungen
organisiert waren. Wenn nämlich Krieg herrscht, Strom
und Wasser ausbleiben und auf den Straßen scharf geschossen
wird, dann hat die Bevölkerung in der Regel anderes zu
tun, als ins Museum zu gehen – vor allem ein Museum, das sie
gar nicht kennt, denn den Irakern war der Besuch ihres Nationalmuseums
in der Vergangenheit gar nicht ohne weiteres möglich.
Es gehört wahrhaftig nicht viel kriminalistischer Scharfsinn
dazu, um in den offenbar äußerst zielstrebig durchgeführten
Museumsraubzügen die Handschrift von Insidern zu erkennen,
die mit dem Fundus so gut vertraut waren, wie es eben nur
Mitarbeiter des Museums selbst sein konnten. Ihr Chef, Museumsdirektor
Donny George, wird zwar nicht müde, die Weltöffentlichkeit
über die befürchteten Verluste zu informieren, doch
wer sich ein wenig mit der Funktionsweise der Saddam-Diktatur
und der Vergangenheit des Dr. George beschäftigt, dem
drängen sich zumindest ein paar Fragen auf.
Im September
1990, wenige Wochen nach dem Einmarsch der irakischen Armee
in Kuweit, tauchten Experten des irakischen Nationalmuseums
in Kuweit City auf und schleppten aus den dortigen Kunstsammlungen
alles nach Bagdad, was sie für interessant hielten. Der
größte Teil davon wurde zwar nach dem ersten Sieg
der Amerikaner wieder zurückgegeben, doch 59 Spitzenstücke
– darunter einige Smaragde – blieben verschwunden: genau die
Sorte von Kleinigkeiten, die sich ein Führer der Baath-Partei
gern in die Tasche steckt. Und mit den Führern der Baath-Partei
war Donny George immer bestens liiert; ja, er rühmte
sich vor zwei Jahren noch gegenüber einem ausländischen
Journalisten, dass Saddam Hussein seine Berichte persönlich
lese und mit Randbemerkungen versehe. Und ganz stolz war Dr.
George darauf, dass im Irak für gemeinen Kunstdiebstahl
die Todesstrafe verhängt wurde; wahrscheinlich ein Ergebnis
seiner so aufmerksam gelesenen Berichte an den Staatschef.
Das
gute Standing, das der wendige Museumschef im Westen hat,
kommt daher, dass die Betreuung seiner westlichen Kollegen
zu seinen hauptsächlichen Aufgaben gehörte. Betreuung
im Sinne des Regimes hieß allerdings: Propaganda gegen
Amerika, gegen die UNO, gegen das Embargo und gegen das Oil
for Food-Programm. Ganz besonders erfolgreich war diese Propaganda
bei einem deutschen Professor namens Walter Sommerfeld. Der
Marburger Altorientalist macht als Vorsitzender der Deutsch-Irakischen
Gesellschaft e.V. seit Jahren Stimmung gegen die USA. Dafür
bereitete er der deutschen Industrie bei unzähligen Gelegenheiten
im Irak das Parkett, während das UN-Embargo solches Wirtschaften
verbot. Im Juni 2001 organisierte er den berüchtigten
„Solidaritätsflug“ für den nordrhein-westfälischen
Landtagsabgeordneten und Möllemann-Freund Jamal Karsli
nach Bagdad. Im April 2002 hielt er in Marburg einen Vortrag,
in dem er allen Ernstes erklärte, der Giftgaseinsatz
gegen die Kurden im Irak habe sich gar nicht gegen die Kurden
selbst gerichtet. Und der Überfall auf Kuweit sei nichts
als ein Versuch gewesen, einen wirtschaftlichen Konflikt zu
lösen, den Kuweit durch die Erhöhung seiner Erdölfördermenge
heraufbeschworen habe. Aus diesem Holz ist also jener vornehme
Philologe geschnitzt, der sich jetzt in allen Medien mit seiner
Augenzeugenschaft vom amerikanischen Kulturfrevel bekannt
macht.
Inzwischen
jedoch ist der mit dem gestürzten Regime so eng verstrickte
Professor Sommerfeld eher eine persona non grata in der irakischen
Hauptstadt. Kein Wunder, dass er die Lage im Land, das er
soeben wieder bereiste, katastrophal beurteilt und besonders
die Museumsplünderung in den schillerndsten Farben ausmalt.
Im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung berichtete er
voller Empörung, dass eine – so wörtlich – „bewaffnete
zivile Wachtruppe, die das Museum vor Überfällen
schützen sollte“ in Todesangst das Gelände verlassen
habe, das daraufhin den Amerikanern in die Hände gefallen
sei. Wie weltfremd muß eigentlich eine Feuilletonredaktion
sein, die weder den politischen Hintergrund ihres Autors noch
solche Formulierungen bedenklich findet: Vermutlich hätten
die Amerikaner bei der Eroberung einer Stadt, in der sie noch
hinter jeder Hausecke Heckenschützen zu gewärtigen
hatten, einer bewaffneten zivilen Wachtruppe ganz einfach
mehr kulturellen Respekt entgegenbringen sollen.
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