Atemberaubend sind die Fortschritte in unseren Breitengraden auf dem Gebiete der Hygiene. Der häusliche Komposthaufen, früher ein harmloses Steckenpferd von Hobbygärtnern, dringt mit Bakterien, Pilzen und Gewürm bis in die Dielen bürgerlicher Stadtwohnungen vor. Dort hat man sich gerade angewöhnt, die Mottenschwärme, die den Müslivorräten im Küchenschrank entsteigen, als Zeichen besonderer Naturverbundenheit zu achten. Jetzt hält in den urbanen Vierteln eine ultimative Parodie aufs Landleben Einzug - eben die besagte Biotonne.
Auf den Straßen, vor den Häusern gärt und fault und modert es. Die Situation ist so prekär wie während eines Streiks der Müllabfuhr. Aber die Müllabfuhr streikt keineswegs. Sie hat sogar mehr denn je zu tun. Denn nicht nur muß sie wegen der getrennten Abfallsammlung öfter kommen, sie muß sich mit dem Müll auch inhaltlich befassen und überprüfen, ob die Bürger wohl mit ausreichender Trennschärfe sortiert haben. Zu diesem Zweck sind mancherorts schon durchsichtige Plastiksäcke vorgeschrieben. So können Nachbarn und Behörden eines jeden Abfall inspizieren - und wehe, es findet sich bei den Verbundstoffen ein Stück Karton oder beim Altpapier ein Rest Klebefolie.
In dieser rituellen Müllkontrolle, die so in keinem anderen Land vorstellbar ist, äußert sich die weltbekannte Schmutz- und Säuberungs-Besessenheit der Deutschen, die zur mentalen Grundausstattung unseres Volks gehört. Seit der Romantik durchziehen die wildesten Reinigungs- und Reinheitsphantasien unsere Geschichte: in Literatur und Kunst, aber auch - gräßlich zugespitzt - in Form eines mörderischen Rassenwahns, der sich bekanntlich ebenfalls in der Begrifflichkeit von Dreck und Sauberkeit, Abschaum und Reinheit austobte. Ich kann diese prekären Traditionslinien hier nur andeuten; der eigentlich jetzt fällige kulturhistorische Exkurs würde im Zusammenhang mit der aktuellen Abfallwirtschaft vielleicht ein wenig zu weit führen.
Aber in welchen psychischen Tiefenschichten diese ganze Thematik angesiedelt ist, zeigt schon - Sie mögen mir diesen abrupten Abstieg ins Kloakenhafte verzeihen - die Form deutscher Toilettenschüsseln mit ihrer kleinen Bühne zur Beschau der Exkremente. Ausländischen Benutzern gibt das jedesmal - vorsichtig ausgedrückt - zu denken. Und so liegt es nahe, hinter dem zwanghaften Wühlen im Gemülle, hinter dem Vorzeigen und Ausbreiten, dem Sortieren und Analysieren noch etwas anderes zu vermuten als eine technische Notwendigkeit.
Zugegeben: In unserer Wohlstandszivilisation, deren enormer Komfort auf der Verfügbarkeit von Wegwerfwaren beruht, fällt viel Müll an. Und noch mehr Abfälle entstehen, weil die Waren in schönen und/oder stabilen Verpackungen gehandelt werden. Das ist der Nährboden für die teutonische Entsorgungshysterie, mit der schon seit den siebziger Jahren der angeblich drohende Müllinfarkt beschworen wird. Wenn es nach den damaligen Prognosen ginge, müßten wir mit und ohne Grünem Punkt längst im Müll erstickt sein. Das ist aber mitnichten der Fall, und bei nüchterner Betrachtung der Statistiken läßt sich schwerlich absehen, daß es jemals dahin kommt. Es sei denn, unsere sogenannten Umweltpolitiker, lassen uns, wenn sie die Macht dazu haben, aus ideologischen Motiven und traditioneller Menschenverachtung absichtlich im Müll ersticken. Es gibt nämlich Anzeichen, die darauf hindeuten.
Zu den wenigen konkreten Staatserfahrungen im Alltag des Normalbürgers gehören: Schule, Straßenbau und Müllabfuhr. Auch ein politisch gänzlich desinteressierter Mensch spürt hier die Berührung mit der Sphäre behördlicher Verwaltung; daß er hierfür Steuern zahlen muß, leuchtet ihm unmittelbar ein: Er kann nicht selber Schule spielen, nicht ohne Straßen Auto fahren und seinen Müll nicht selbst beseitigen. Wie aber, wenn gerade letzteres von ihm verlangt wird? Wenn er von der öffentlichen Hand mit seinem Müll einfach allein gelassen wird? So sieht nämlich die Realität aus, die sich hinter dem wohlklingenden Begriff "Abfallvermeidungskonzept" verbirgt. Sie kommt oft einer Bürgerbestrafung gleich. Oder einem Streik bei der Müllabfuhr.
Im Zuge einer gigantischen Umerziehungskampagne ihrer Untertanen und im Gefolge des neuen Kreislaufwirtschafts- und Abfallgesetzes haben sich viele Kommunen Ungeheuerliches einfallen lassen. Sie stellen den Haushalten ständig neue, andersfarbige Tonnen hin und erlassen ein Regelwerk, das den größten Teil des Mülls zu "Wertstoffen" umdeklariert. Die "Wertstoffe" sollen in den verschiedenen Behältnissen getrennt gesammelt werden, wobei zur korrekten Trennung auch chemische Kenntnisse erforderlich sind, denn Pappkarton ist etwas anderes als laminierter Pappkarton, das heißt solcher mit einer unsichtbaren Kunststoffschicht, während Kunststoffabfälle als solche in "PE", "PP" und "PS" zu unterteilen sind.
Die Abholung all dieser "Wertstoffe" erfolgt nach kosmisch komplizierten Rhythmen, zum Teil aber auch gar nicht, weil es zur Bürgerpflicht geworden ist, sowohl die drastisch steigenden Gebühren für die Abfuhr zu bezahlen als auch die eigenen Abfälle selber zu irgendwelchen Sammelstellen zu kutschieren. Das ist freilich nicht ohne Reiz, denn auf solchen Recyclinghöfen kann man was erleben.
Der steuernzahlende Stadtidiot, der sich mit seinem PKW auf dieses Territorium vorwagt, bemerkt zunächst, daß es durch einen stacheldrahtbewehrten Zaun gesichert ist wie militärisches Gelände. Dazu paßt der Ton der Zurechtweisung, in dem er meistens angeherrscht wird von Wertstoffoffizieren, die über seinen Unrat zu Gericht sitzen. Sie kommentieren seine mangelhaften Kenntnisse der Metallurgie, weil er Weißblech und Aluminium vermischt hat, sie kritisieren seinen an einigen verpönten Abfällen ablesbaren Lebensstil und sie entscheiden über Annahme oder Zurückweisung der Fracht. Der Mensch lernt, sich für seinen Müll zu schämen, und empfindet es am Ende als unverdiente Gnade, wenn er ihn überhaupt los wird.
An diesem Punkte angekommen, ist es verwunderlich, daß keine Revolte ausbricht. Niemand dreht durch und beginnt, seine Abfälle auf dem Rathausplatz öffentlich aufzuessen. Stattdessen findet das ganze Wahnsystem aus Brauner Tonne, Gelbem Sack und Grünem Punkt in der Bevölkerung enorme Zustimmung. Letztes Jahr warfen die Deutschen mehr als fünfeinhalb Millionen Tonnen Verpackungsmüll und noch etwas mehr Altpapier in die entsprechenden Behälter ein. Nicht selten wird der Verpackungsmüll sorgfältig mit warmem Wasser und sogar mit Spülmittel gewaschen, bevor er in den Gelben Sack kommt, obwohl es mittlerweile von Amts wegen heißt, daß das nicht nötig sei, nachdem es jahrelang von Amts wegen geheißen hatte, daß Essensreste zu entfernen seien.
Es bleibt auch ruhig im Lande, obwohl inzwischen jeder weiß, daß mit der sogenannten Entsorgung und angeblichen Verwertung dieser Wertstoffe ein ungeheures Schindluder getrieben wird. Zum Beispiel ist die Wiederaufarbeitung von Plastikabfällen bei uns in großindustriellem Umfang immer noch ein holder Traum. Und wenngleich die Kunststoffmüllexporte ins Ausland inzwischen drastisch zurückgegangen sind und die damit verbundenen Skandale wohl der Vergangenheit angehören, so verlocken die enormen Verwertungszuschüsse, die vom Grünen Punkt an die Abnehmer solcher Abfälle gezahlt werden, allemal zu abenteuerlichen Konstruktionen. Manche der vorgeschlagenen Wiederaufarbeitungsverfahren könnten von Baron Münchhausen zum Patent angemeldet worden sein; andere funktionieren zwar, führen aber zu vollkommen nutzlosen Produkten, sodaß ein erheblicher Teil der besagten Verwertungszuschüsse in die verzweifelte Anstrengung, einen Absatzmarkt zu schaffen, investiert werden muß.
In jedem Fall wäre es billiger, den Plastikmüll in einer hochmodernen Verbrennungsanlage zu verfeuern. Von einer Belastung für die Umwelt kann beim gegenwärtigen Stand der Verfahrenstechnik keine Rede mehr sein. Trotzdem gilt die Müllverbrennung in Umweltschützerkreisen immer noch als großes Tabu. In der Tat fürchten sie zu Recht, daß, wenn man diesen Weg einschlüge, die Sinnlosigkeit der Anstrengungen, den Müll zu waschen, zu sortieren und zu horten, dann offensichtlich würde.
Der ökonomische und ökologische Unsinn, der aus der doktrinären Ablehnung der Müllverbrennung resultiert, ist in Sachen Altpapier noch drastischer. Denn wegen seines hohen Heizwertes eignet es sich besonders gut als Brennstoff, der in den zunehmend unterversorgten Verbrennungsanlagen dringend gebraucht wird. Diese Perspektive darf man allerdings den braven Bürgern, die ihre Zeitungsstapel zum Container schleppen, nicht zumuten. Stattdessen wachsen riesige Übermengen von Altpapier an, die der Recyclingmarkt nicht aufnimmt und die den Preis des Stoffs unterminieren. Da Papier mittlerweile auch nicht mehr auf die Mülldeponie gebracht werden darf, weil es ja zur Kategorie "Wertstoffe" gehört, bleibt nur die langfristige Lagerung in geschlossenen Hallen. Auch das wird finanziert vom Grünen Punkt.
Jeder kennt dieses Lizenzsiegel der Firma DSD (die Abkürzung steht für „Duales System Deutschland“). Der Grüne Punkt hat einen globalen Siegeszug hinter sich; er ist mit etwa 450 Milliarden verkauften Einheiten pro Jahr zum weltweit meistgenutzten Markenzeichen avanciert. Wer in Süditalien eine Flasche Wasser oder in England einen Schokoriegel kauft, entgeht nicht dieser Ying-und-Yang-artigen Vignette, auf der sich zwei Pfeile umeinander biegen: Werde, was du warst - diese Recyclingphilosophie ist freilich den Konsumenten in Süditalien oder England nicht nur schnuppe, sondern, da sie eben aus Deutschland stammt, auch ein bißchen suspekt.
Was nämlich in Deutschland wirklich los ist, sehen sie bei jedem noch so kurzen Besuch: Schon am Flughafen und auf Bahnhöfen stoßen sie auf vielfach unterteilte Mülleimer mit obskuren Handlungsanweisungen, und an den Autobahn-Rastplätzen werden sie von großen Schildern umständlich darauf aufmerksam gemacht, daß hier die Regeln des Recyclings gelten. Beeindruckt von dem so dokumentierten deutschen Sauberkeitsbewußtsein lassen sie sich nieder, um ihre Sandwichs zu verzehren, und stellen zwei Dinge fest: Erstens, der ganze Rastplatz riecht nach Notdurft, zweitens, er ist mit Müll übersät. Denn erstens ist Deutschland zu arm, um wie andere zivilisierte Länder das Toilettenhäuschen zur Grundausstattung eines Autobahnparkplatzes zu machen, und zweitens wächst offenbar doch in der Bevölkerung eine Art Müllverzweiflung.
Der an den Autobahnen eingesammelte Müll besteht, wie aus einer Studie der Bundesanstalt für Straßenwesen hervorgeht, in wachsendem Maß aus Siedlungsabfällen, die nicht auf Reisen anfallen. Und in Regionen mit hohen kommunalen Müllgebühren finden die Straßenwärter besonders viel Hausmüll. Mag sein, daß manchen Bürger die schiere Not dazu treibt, sich seines Drecks auf diese Weise zu entledigen; andere vollführen damit vor allem einen privaten Befreiungsschlag gegen den Gruppenzwang des deutschen Müllkonsenses, den sie als diktatorisch und totalitär empfinden. Mit Recht: Ohne diesen Gruppenzwang, ohne diese Orwellsche Diktatur des Gemeinwohls käme eine mehr als vier Milliarden Mark pro Jahr verschlingende Veranstaltung wie das Duale System gar nicht zustande.
Wie aber konnte es gelingen, das ganze Volk mit dem Thema Abfall derart zu hypnotisieren und in geistige Geiselhaft zu nehmen, daß es sich freiwillig zum Handlanger der Müllabfuhr beziehungsweise des Entsorgungsgewerbes macht? Die Frage zielt auf die tieferen Gründe für den exorbitanten Stellenwert der Umweltschutzthematik überhaupt bei uns. Wie kommt es, daß Deutschland auf diesem Gebiet eine solche Führungsrolle erlangte? Die Bundesrepublik ist ja nicht soviel verdreckter als andere Länder, daß man hier mit dem Aufräumen hätte beginnen müssen. Und es ist auch nicht anzunehmen, daß die Deutschen klüger, reifer oder einsichtiger wären als andere Nationen, die um ihren Müll weniger Aufhebens machen.
Nein, unsere Abfall-Obsession hat und braucht gar keinen konkreten Grund. Im Gegenteil: Je sauberer die Umwelt objektiv wird, desto stärker beherrscht uns die Vorstellung der Verschmutzung, und diese Müll-Metaphysik eignet sich hervorragend zum Ausüben von gesellschaftlichem Druck. Darin sind wir Deutsche schließlich auch Weltmeister. Die induzierte Notstandsstimmung, die jeden Einzelnen so reagieren läßt, als wohnte er neben einer schwelenden und übervollen Deponie, liefert die nötige psychische Energie, um nicht nur sich selbst die sonderbarsten und bei wachem Bewußtsein eigentlich inakzeptablen Pflichten aufzuerlegen, sondern auch die Mitmenschen entsprechend zu maßregeln.
So kommt es, daß sämtliche an diesem gespenstischen Gesellschaftsspiel beteiligten Parteien mehr an der dauerhaften Bewirtschaftung des Müllproblems interessiert sind als an der Beseitigung von Abfällen. Denn wie schon im Zusammenhang mit Plastik und Papier erwähnt, ist die Beseitigung durch konsequente Anwendung der Verbrennungstechnologie auf weitaus wohlfeilere Weise möglich als durch jedes andere Verfahren. Bei über 800 Grad Celsius läßt sich beinahe alles zu Wasser, Kohlendioxid und Schlacke reduzieren. Die Schlacke, die nur noch fünf Volumenprozent und ein Drittel des Müllgewichtes hat, kann mit verfügbarer Deponietechnik problemlos endgelagert werden.
Endlagerung ist jedoch für die Öko-Nomenklatura ein genauso böses Reizwort wie Verbrennung. Denn einerseits geht dabei der schönste Aspekt der Müll-Metaphysik verloren: nämlich die Auferstehungsphantasie und der Glaube an das ewige Leben. Die quasireligiöse Inbrunst, mit der die stoffliche Verwertung unserer Abfälle gepredigt wird, hat schon etwas Verräterisches; wer genau hinhört, der spürt, daß hinter der Vorstellung von Wiederaufbereitung der Gedanke von Wiedergeburt steckt. Kein Wunder, daß den Mülldebatten immer so ein theologischer Tonfall eigen ist, es handelt sich um rezyklierte Religionsreste. Andererseits ist die Umweltschutzideologie auch ein Ausläufer der marxistischen Kapitalismuskritik, wie sie vor dreißig Jahren in Mode kam. Sie ist geprägt von einer tiefen Konsumfeindlichkeit, weil die Genüsse der Warenwelt das ohnehin falsche Bewußtsein der Menschen benebeln. Folglich gilt es, den Konsumgenuß zu hemmen und zu hindern, wo man ihn trifft, und die Verteufelung der Verpackungen mit ihrem Verführungscharakter hat dabei höchste strategische Bedeutung. So findet sich selbst in der großen Brockhaus-Enzyklopädie unter dem Stichwort "Müllverbrennung" ein argumentativer Ausrutscher, der tief blicken läßt. Und zwar wird als ein Nachteil der Beseitigungsmethode der daraus möglicherweise resultierende "Anstieg des Verbrauchs- und Wegwerfverhaltens" der Bevölkerung genannt. Im Klartext: Jede Lösung des Müllproblems ist schlecht, da sie die Menschen von einer Gewissenslast befreit.
Vor diesem Hintergrund dürfen wir sicher sein, daß die Gedankenpolizei der guten Gesinnung hierzulande noch für geraume Zeit aus Abfall Politik macht. Denn das ist auch eine deutsche Besonderheit: Während das Feld des Politischen anderswo durch ökonomische und soziale Visionen bestimmt wird, haben wir hauptsächlich eine Welt ohne Wirtschaft und ohne Gesellschaft im Auge, eine Welt vor allem für Bakterien, Pilze und Gewürm: die Welt als Biotonne.